kultpcgames: Ich kann Dich da gut verstehen. Für mich habe ich eine einfache Lösung gefunden:
Ich erstelle für jeden Dienst eine eigene E-Mail-Weiterleitung zu meinem Sammelpostfach. Geht mir etwas auf den Keks oder möchte ich die "Verbindung" kappen, so entferne ich die Weiterleitung und es herrscht Ruhe im Karton.
Das mache ich ebenso und zahle dafür jeden Monat knapp 10 Euro.
Ich bekomme trotzdem zwischen 100 und 500 Spam-Mails am Tag. 97% davon kann ich filtern. Zusätzlich bekomme ich zwischen 30 und 100 Ping- und Spamanrufe pro Woche auf meiner Geheimnummer.
Selbstredend habe ich nie irgendjemandem meine Daten gegeben und nie in irgendwas eingewilligt. Okay, ich bin durch meine Nebentätigkeit etwas mehr in der Öffentlichkeit als andere, aber so exzessiv wie jetzt ist das Werbeaufkommen erst in den letzten 2 Jahren geworden - trotz DSGVO.
Was mir Sorgen macht ist die allgemeine Tendenz, das als Normalität zu betrachten.
Jahrelang habe ich als Ingenieur im IT-Bereich hauptberuflich für Onlineshops gearbeitet und das Marketing war in vielen Fällen grenzwertig. Um ihre Zielvorgaben zu erreichen kannten einige jede Gesetzeslücke, nutzten sie aus und waren noch stolz drauf.
Zum Beispiel war es bei einigen usus, dass Einwilligungen in den Newsletterversand sofort gültig wurden, ein Widerspruch hingegen immer erst zum Folgemonat. Aus "technischen Gründen" - das war natürlich Blödsinn, es gab keine technischen Gründe.
Selbstredend galt ein Widerspruch stets nur für den Shop selbst, nicht für die Partner. Die hat man zwar aus Compliancegründen "informiert", aber auf so einer Meldestrecke geht "schon mal was verloren". Technisches Problem - kann man nichts machen!
In einem Fall hat mir ein Händler ins Gesicht gesagt: "Morgen wird unser imaginärer Azubi, den wir übermorgen entlassen, 'versehentlich' unsere alte Marketing-Blacklist löschen. Alle Kunden, welche sich beim Support über den Newsletter beschweren, kommen auf eine neue Blacklist. Alle anderen behandeln wir künftig als hätten sie eine Werbeeinwilligung erteilt."
Der war da auch noch stolz drauf und meinte: "Das machen doch alle so".
Denn im deutschen Datenschutz gilt die Ausnahme, dass der 1. Verstoß folgenlos bleibt. In der Praxis ist es jedoch beim 10. Mal immer noch der 1. Verstoß, weil der "1. Verstoß" namentlich rotiert zwischen "Anna", "Bettina", "Christian", "Detlef", ... you get the picture.
Das Callcenter erzählt Dir dann: "Sie haben recht, das darf natürlich nicht passieren. Nein, wir haben die Ursache schon festgestellt und personelle Konsequenzen gezogen. Ich versichere Ihnen, der Schutz Ihrer Daten ist uns wichtig und so etwas dulden wir nicht".
Alles einstudierter Bullshit, damit der Kunde denkt, "jetzt habe ich denen aber eins ausgewischt".
In einem anderen Fall den ich zu verantworten hatte war ein Onlinehändler zahlungsunfähig und der ehemalige Eigentümer wollte über einen Mittelsmann unter der Hand die Kundenadressen verkaufen. Das habe ich ihm verweigert. Das hätte mich meinen Job kosten können - gottseidank war meinem Chef ein ehrlicher Mitarbeiter wichtiger als ein zahlungsunfähiger Ex-Kunde. Das hätte auch anders ausgehen können.
Auch habe ich Datenbanken gesehen, welche ein Händler zum Profiling nutzte: Bewertung des Zustandes des Gebäudes, Art der Bebauung, Milieu, durchschnittliche Miete und Grundstückspreis, politische Ausrichtung nach statistischer Auswertung des Wahlkreises, Zusammensetzung der gemeldeten Bewohner nach Alter, Familienstand und Staatsangehörigkeit. Durchschnittseinkommen. Da verstehst Du, was die eigentlich damit meinen, wenn harmlos von "Personalisierung ihres Einkaufserlebnisses" die Rede ist.
Das war zusätzlich zur A/B/C-Kategorisierung der Kundenkontakte nach Einkaufsverhalten. Je nachdem wie viel und wie häufig Du beim Händler einkaufst bekamst Du anderen Support und vielleicht als A-Kunde auch mal ein Vorzugsangebot, welches C-Kunden nicht bekamen.
Dazu kamen dann noch externe Werbepartner und -agenturen. Bei denen hatten wir immer ein mulmiges Gefühl. Unter anderem haben die "A/B-Tests" angeboten. Bei den A/B-Tests wird ein JavaScript von der Webseite der Agentur geladen, welches der Agentur volle Kontrolle über alles gibt, was auf der Webseite passiert. Die können die Webseite live umbauen, Klicks umleiten, neue Steuerelemente und Loginmasken einbauen und sämtliche Daten mitlesen. Sprich, wenn die irgendwann mal gehackt werden ist alles vorbei.
In der Praxis nutzen die Anbieter diese weitreichenden Einblicke in die Webseite u.a. dazu, ein Video aufzuzeichnen mit allen Mausbewegungen der Kunden und allen Tastatureingaben. Sogar wie lange man sich ein Bild auf der Webseite anschaut wird individuell festgehalten. Die Marketingabteilung kann sich anschließend einen Kunden aussuchen, das aufgezeichnete Video abspielen und beobachten, was Du anklickst, wie lange Du zu einer bestimmten Anzeige scrollst und was genau im Warenkorb landet oder aber auch nicht. Das kann u.a. damit gemeint sein, wenn ein Händler als "berechtigtes Interesse" angibt, man wolle die "Effektivität der Marketingaktivitäten bewerten".
Solche Erfahrungen haben mich sensibilisiert. Nicht alle Shops sind so, aber viele. Zu viele!
Das kann und darf einfach nicht die neue Normalität sein.
Bisher war GOG anders als die oben beschriebenen Händler. Mir wäre es lieb, wenn GOG "anders" bliebe.